Monatsbrief Juli

Bibel lesen, Brille (Foto: Bernhard Nauli)
Das zweite Leben eines Strohsacks
Liebe Leserin, lieber Leser

Heute möchte ich Ihnen eine sehr persönliche Frage stellen: Wie alt fühlen Sie sich jetzt gerade? Älter oder jünger als es der Kalender anzeigt ? Jung, leistungsfähig, selbstbestimmt und im Trend? Oder doch eher zum alten Eisen gehörend? Im Gegensatz zur messbaren, bis jetzt schon verbrachten Lebenszeit ist das gefühlte Alter ja grossen Schwankungen unterworfen.



Je nachdem, was man erlebt, kann es sich sprunghaft in die eine oder andere Richtung bewegen. Auch wer noch lange nicht die AHV bezieht, kann sich alt vorkommen: zum Beispiel, wenn ihm für etwas die Kraft fehlt, oder wenn er einen Trend weder versteht noch mitmachen will. Und erstaunlicherweise können sogar hochbetagte oder pflegebedürftige Menschen manchmal jugendlich-frisch wirken, aufgestellt und bei einer Sache voll dabei.

Und nun eine weitere Frage:
Was ist eigentlich besser: alt sein oder jung sein? In der heutigen Leistungsund
Spassgesellschaft zählt vor allem das Jungsein. Wer alt ist oder sich dafür hält, fühlt sich oft abgehängt und nicht mehr brauchbar. In biblischer Zeit galten die Alten als weise Menschen, auf deren Rat zu hören war. Allerdings gab es damals noch viel weniger Hochbetagte als heute;
und es gab noch keine Bücher und kein Internet, wo man das Wissen von früher nachschlagen konnte. Wie wertvoll die Betagten sind, musste schon damals immer wieder in Erinnerung gerufen werden. Verschiedene Gebote, die (betagten) Eltern zu ehren und weder wegen ihren Meinungen
noch wegen ihren Altersgebresten zu verachten, zeugen davon.

Quer durch die Bibel wird immer wieder erzählt, wie schwache und sich hilflos fühlende Menschen für besondere Aufgaben berufen werden. In Gottes Augen seien sie oft besser zu gebrauchen. Denn sie kennen ihre Grenzen und haben sich schon damit auseinandergesetzt, wofür sie auf
Gottes Segen angewiesen sind. Für alle Momente, in denen Sie sich alt fühlen, möchte ich Ihnen deshalb diese Geschichte empfehlen, die Ilse Stachinger aus Salzburg vor einigen Jahrzehnten aufgeschrieben hat:

Meine fast erwachsene Tochter wünschte sich eine neue, schicke Jacke. Aus Rohleinen sollte sie sein - meine Sabine hatte da ganz bestimmt Vorstellungen. Geschäfte, die solche Jacken verkauften, ebenso. Den Kaufpreis konnte meine Tochter nicht aufbringen. Also beschloss sie, eine solche Jacke selber zu nähen. Aber allein der Materialpreis überstieg die finanziellen Möglichkeiten. Rohleinen ist heute selten und teuer, und etwas anderes wollte meine Sabine nicht. Was sie sich in den Kopf setzt, führt sie durch!

In dieser Situation erinnerte ich mich an einen alten Strohsack, der noch von meiner Mutter stammte und der den 2. Weltkrieg, mehrere Übersiedlungen und manche Entrümpelungsaktion überstanden hatte. Nach langem Suchen wurde ich fündig: aber wie sah der Strohsack aus? Das einzige, was mit der Vorstellung meiner Tochter übereinstimmte, war die gute Qualität des Rohleinens. Aber sonst: grau und schmutzig, Stockflecken vom langen Liegen,
eingerissene Nähte, abgerissene Ecken, Rostflecken von einem Betteinsatz, ein Brandloch und sogar ein alter Wehrmachtsstempel zierten das alte Stück. Ein fast aussichtsloses Unternehmen, daraus eine modische Jacke schneidern zu wollen!

Aber meine Tochter und ich gaben nicht so leicht auf. Mehrmals musste die Waschmaschine (mit und ohne Entfärber) in Aktion treten, während Sabine einen passenden Schnitt, einen besonders hübschen Futterstoff und ganz teure, exquisite Knöpfe kaufte. Als der Sack dann aufgetrennt und gebügelt war, machte sich Sabine an die mühevolle Aufgabe, die Schnittstücke aufzulegen
und dabei möglichst die geschädigten Stellen auszusparen. Es glich einem Puzzlespiel - ein geflickter Riss und ein gestopftes Loch wurden - fast unsichtbar - an Unterkragen und Innenbesatz verwendet. Das Nähen war für meine sehr geschickte Sabine dann nur mehr eine Kleinigkeit.
Und niemand, der diese Jacke später sah, wollte glauben, dass sie aus einem alten
Strohsack gefertigt war. Als Beweis konnte sie aber jederzeit die Reparaturstellen vorzeigen.
Nichts ist so wertlos, dass man nicht etwas anderes, Neues daraus machen
könnte Das gilt für mich und meine Tochter, für Strohsäcke - und Lebenserfahrungen!

Herzlich grüsst Sie im Namen des Kirchgemeinderats und des Pfarrteams von Seedorf
Verena Schlatter