Monatsbrief November

Jeder Tag, jede Stunde ist kostbar
Liebe Leserin, lieber Leser

Der Tatsache, dass wir täglich einen Tag älter werden, müssen wir uns stellen.
Im Jugendalter macht man das gerne. Wer freut sich nicht darauf, stärker, selbständiger und damit freier zu werden! Mit zunehmendem Alter ändert sich dann der Blickwinkel, weil fortschreitendes
Alter eben nicht nur das mit sich bringt, was wir üblicherweise als Fortschritt bezeichnen. Zwar sehen es viele Leute als ein Geschenk an, ein hohes Alter zu erreichen. Aber gleichzeitig blicken sie diesem mit Sorgen entgegen, was sie dann allenfalls erdulden müssen. Erfahrungsgemäss ist ein Mensch im Alter dann glücklicher, wenn er den nicht änderbaren Tatsachen in die Augen schaut: den Altersgebresten und der geringeren Mobilität genauso wie zum Beispiel der Chance, weniger Pflichten und dafür mehr Zeit für sich selbst zu haben. Es bringt nichts und kostet nur unnötig Kraft, sich länger über Unabänderliches zu ärgern. Wer ständig über seinen Sorgen oder seinem Ärger brütet, macht diesen grösser. Wer auch in schwierigeren Zeiten nach Schönem sucht, findet allmählich immer mehr davon und entdeckt es manchmal an überraschenden Orten.

Nicht jeder kann bei diesem Suchen so weit gehen wie Jean Harang in seinem Text, den ich Ihnen heute schicke.
Mit einem Blick auf die christliche Auferstehungshoffnung formuliert er Gedanken, die man teilweise erst mit etwas nachdenken verseht und die man je nach Lebenslage leicht oder nur schwer glauben kann. Bei diesem Text ist es nicht wichtig, ob Sie jeden einzelnen Satz verstehen und ihm zustimmen können. Ich lade Sie aber ein, sich darein zu vertiefen und dann jene Gedanken daraus weiter mit sich zu tragen, die für Sie eine Bedeutung haben. Ich lade Sie ein, sich so auch vom Glauben an Christus und von der Auferstehungshoffnung prägen zu lassen.

Jeder Tag, jede Stunde ist kostbar
Das Leben ist nicht ein Stein, der Tag für Tag mehr zerbröckelt, sondern ein Marmorblock, den der göttliche Bildhauer jeden Tag behaut bis zu dem Augenblick, da das Werk schliesslich in wunderbarer Vollkommenheit vollendet ist ...

Das Leben ist nicht ein fortwährendes Verwesen, sondern ein beständiges Reicherwerden. Jeder Tag kann eine neue Einsicht, ein tieferes Erfassen, eine weitere Erfahrung, eine tiefere Liebe, eine frohere Freude bringen ...

Das Leben ist nicht ein zu Ende gehender Tag, sondern eine aufsteigende Morgenröte; man geht nicht der Nacht entgegen, sondern von Klarheit zu Klarheit einem blendenden, nie mehr abbrechenden Licht entgegen. Seit der Erlösung ist jeder Tag uns gegeben, um uns bewusst zu werden, dass unsere Ewigkeit schon begonnen hat.

Jeder Tag, der vergeht, ist nicht verlorene Zeit, sondern Anbruch der Ewigkeit. Das Leben ist nicht eine Sackgasse, ein Holzweg, sondern eine nie endende Strasse. Das Leben ist nicht etwas Nichtswürdiges, sondern eine Teilhabe am göttlichen Sein. Das Leben ist ein wunderbares Geschenk, wie alles, was aus der Hand Gottes hervorgeht.

Jede Stunde ist ein Stückchen Ewigkeit. Christus hat uns in seiner Auferstehung schon auferweckt; er ist bei uns, wir sind in ihm, wir werden für immer bei ihm sein. Wäre ich mir dessen bewusst, so würde ich jeden Tag mit Blaise Cendrars ausrufen: „Dieser Morgen ist der erste Tag der Welt.“


Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für die jetzt beginnende Advents- und Weihnachtszeit; und dass Sie bei allem, was das Leben Ihnen bringt, immer wieder auch Hoffnungsvolles entdecken können.

Herzlich grüsst Sie im Namen des Kirchgemeinderats und des Pfarrteams von Seedorf
Verena Schlatter

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